Dynastien kommen und gehen

… oder wer von einem Usurpator rehabilitiert wurde.

In der Geschichte kennen wir viele Gründer von Dynastien und Familien, die dann die Herrschaft in den jeweiligen Reichen übernehmen. Manche Dynastien halten sich jahrhundertelang an der Spitze der Macht, einigen schaffen es nur für ein zwei Generationen. In fast allen Teilen der Welt und zu allen Zeiten findet man Herrscherdynastien. In der Antike wären das zum Beispiel Ptolemaios I. in Ägypten oder Kaiser Augustus in Rom. Doch auch im Mittelalter und in der Neuzeit kennen wir solche Gründer von solchen mächtigen Familien. Außerhalb von Europa ist die Geschichte von China ein gutes Beispiel für die Vielzahl an wechselnden Dynastien. Auch am 21.2.1613, also vor 403 Jahren wurde eine Dynastie gegründet und zwar in Russland. Es handelt sich dabei um das Geschlecht der Romanovs, deren Namen vielen ein Begriff ist. Die Entstehung der Familie Romanov, ihr Weg zur Macht und die Übernahme der Herrschaft wird uns heute beschäftigen.

Bevor wir uns mit dem ersten Zaren aus dem Geschlecht der Romanovs beschäftigen, kurz ein paar einleitende Wort zu Russland und seinen Anfängen. Der Name „Russland“ leitet sich von dem Wort „Rus“ ab. So wurden jene Krieger und Händler aus Nordeuropa bezeichnet, die in den Gebieten der Flüsse Dnepr, Wolga und Don siedelten. In der Literatur werden sie auch „Waräger“ genannt. Diese Personengruppe hatte einen großen Anteil an der Gründung von einem Staatsgebilde der Ostslawen. Obwohl die Waräger bald in der Bevölkerungsgruppe aufgingen, blieb die Bezeichnung „Rus“ erhalten. Seit dem 16. Jh. ersetzt das Wort „Russland“, dann den Begriff „Rus“ und wird ab dem 17. Jh. als Bezeichnung für das Reich der Zaren verwendet. Die Geschichte von Russland vor den Romanovs war eine sehr bewegte. Zwischen dem 10.-13. Jh. existierte das Kiever Reich, das erste Herrschaftsgebilde von ostslawischen Gruppen. Die Christianisierung schritt voran und auch die kyrillische Sprache entwickelte sich allmählich aus dem Griechischen heraus. Ab 1200 begann das Reiche wieder in kleinere Reiche zu zerfallen. In den Jahren 1237 bis 1240 kam es zur Unterwerfung der Rus durch die eindringenden Armeen der Mongolen, die auch als „Goldene Horde“ bezeichnet wird. Für die nächsten zwei Jahrhunderte bedeutete das nichts anderes, als dass das Kerngebiet des heutigen Russlands unter einer Fremdherrschaft stand. Doch damit nicht genug, die einzelnen Fürsten der Rus bekämpften sich untereinander, was die Mongolen zu ihrem Vorteil nutzten und förderten. Im 14. Jh. kam es zu Auseinandersetzungen der Fürsten von Moskau und jener von Tver. Die orthodoxe Kirche ergriff dabei Partei für Moskau und der Sitz des Metropoliten wurde 1328 in diese Stadt verlegt. Um 1450 hatte sich Moskau zu einem Großfürstentum gemausert, wenn auch noch mit kleinem Territorium. Profitiert hatte Moskau auch durch den Zerfall des Mongolischen Reiches.

Das Moskauer Reich um 1550 (Quelle: Kappeler, Russische Geschichte, S. 102)

Das Moskauer Reich um 1550 (Quelle: Kappeler, Russische Geschichte, S. 102)

In der zweiten Hälfte des 15. Jhs. kam es zur Eroberung des Reichsgebiets von Novgorod durch Ivan III. (1462-1505). Dieses „Sammeln der Länder der Rus“, wie solche Eroberungen genannt wurde, machten das Moskauer Großfürstentum zu dem flächenmäßig größten Reich in Europa. Ein paar Jahre später teilte dann auch das Großfürstentum Tver das Schicksal von Novgorod. Doch nicht nur in der Außenpolitik tat sich einiges, auch die inneren Strukturen wurden gefestigt. Das betraf vor allem die wirtschaftlichen sowie die rechtlichen Bereiche. Weiters erfolgte eine Neuverteilung der eroberten Gebiete, denn so konnte der Adel enger an den Herrscher gebunden werden. Die orthodoxe Kirche stand hinter dem Herrscher und legitimierte seine Regentschaft als von Gott gewollt. In seiner Hand lagen Exekutive, Legislative und Jurisdiktion. Bis zu diesem Zeitpunkt lautete der Titel des Herrschers „Großfürst“. Das änderte sich aber mit Ivan IV. (1533-1584), genannt der Schreckliche. Denn dieser wurde im Jahr 1547 zum ersten Zaren gekrönt. Es folgten weitere Jahre der Expansion nach Osten und Süden und so trat der „Moskauer Staat“ die Nachfolge der Goldenen Horde sowie des Oströmischen Reiches an. Ivan IV. stammte zwar aus dem Geschlecht der Rjurikiden, aber von ihm stammte nun der erste Romanov ab.

Zar Michail I. Romanov (Quelle: Wikicommons)

Zar Michail I. Romanov (Quelle: Wikicommons)

Zu Beginn des 17. Jh. sah es nicht gerade rosig im „Moskauer Staat“ aus. Die Familie der Rjurikiden war im Jahr 1598 ausgestorben und auch der nachfolgende Zar Boris Godunov regierte nur wenige Jahre. Die politische Stabilität brach zusammen und es kam zu einer Hungersnot und Unruhen. Zweimal gaben sich Usurpatoren als Söhne von Ivan IV. aus, die man erst wieder in der Versenkung verschwinden lassen musste. Etwas mehr Ruhe kam in das Staatsgebilde durch eine von Osten ausgehende Volksinitiative. Im Jahr 1613, genauer gesagt am 21.Februar, kam es zur Wahl von Michail Romanov zum Zaren durch die Landesversammlung (zemskij sobor). Dieser war ein Sohn des Bojaren (Adelige) Fjodor Nikititsch Romanow-Jurjew, der wiederum mit der ersten Frau von Ivan IV. verwandt war. Die Wurzeln der Romanovs gehen zurück bis ins 14. Jh. Die Familie von Michail Romanov war unter Zar Boris Godunov verfolgt und verbannt worden. Einer der erwähnten Usurpatoren rehabilitierte Michail und seine Familie wieder. Nach der Wahl im Februar 1613 kam es am 11. Juli zu der Krönung von Michail I. zum Zaren und Großfürsten von Russland. Die ersten Schwierigkeiten die während seiner Regentschaft auftauchen, stammten aus Polen. Denn der dortige König Sigismund III. erkannte den neuen Zaren nicht an, denn er wollte seinen eigenen Sohn auf dem Thron von Russland sehen. Erst 1634 konnte dieser Zwist endgültig beseitigt werden. Zar Michail I. war zweimal verheiratet und hatte mit seiner zweiten Frau zahlreiche Kinder. Mitte des 17. Jhs. befand sich das Moskauer Reich wieder auf dem aufsteigenden Ast. Als Michail I. im Jahr 1645 starb, hinterließ er seinem Sohn eine solidere Ausgangslage als er sie selbst vorgefunden hatte. Sein Enkel Zar Peter der Große (1682-1725) begann sich Europa hin zu öffnen und modernisierte den Moskauer Staat. Der Zar schickte zunächst kleiner Gruppen von Vertrauten in den die europäischen Reiche. Einige Jahre nach seinem Herrschaftsantritt bereiste er selbst unerkannt Europa. Er griff in die Kleiderordnung und das Aussehen seiner Adeligen ein, änderte die Zählung der Jahre und führte zahlreiche andere Reformen durch. Bedeutend war mit Sicherheit die Gründung von St. Petersburg im Jahr 1703, welches kurz darauf zur Hauptstadt wurde. Peter der Große lud Spezialisten nach Russland ein, um von ihrem Fachwissen zu profitieren. Architekten, Schiffsbaumeister und auch Lehrer kamen aus Europa an Peters Hof. Der Zar tat noch ein übrigens und beschnitt die Macht der orthodoxen Kirche. Diese war seinen modernen Vorstellungen gegenüber äußerst negativ eingestellt gewesen. Weiters kam es auch zu einer Förderung des Dienstadels im Gegensatz zu den Bojaren.

Doch bereits nach Peter I. dem Großen war die Zeit der ursprünglichen Familie Romanov auch fast schon wieder zu Ende. Die männlichen Nachfolger von Peter dem Großen starben aus. Seine Tochter war die letzte Zarin aus dieser Dynastie. Ihr folgte Peter III., ein Enkel von Peter I. und der Sohn von Karl Friedrich von Holstein-Gottorp. Dieser hatte eine Tochter von Peter dem Großen geheiratet. Damit war ein neues Geschlecht namens Romanov-Holstein-Gottorp begründet, welches in den folgenden Jahrhunderten bis hin zur Russischen Revolution 1917 die Geschicke des Landes steuerte.

So schnell kann es gehen und eine Dynastie löst die andere schon wieder ab. Nächste Woche beschäftigt uns ein Berg, der örtlich momentan gar nicht so weit von mir entfernt ist.

„Es ist sicher eine schöne Sache, aus gutem Haus zu sein. Aber der Verdienst gebührt den Vorfahren.“ (Plutarch)

Literatur:

Kappeler, Russische Geschichte, 2014

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.