Städtebelagerer, Wohltäter und Erlöser

… oder wer die Nachfolger von Alexander dem Großen waren.

Ungefähr vor zwei Jahren habe ich in einem meiner ersten Beiträge über die Namensgleichheit von Herrschern innerhalb einer Dynastie und die daraus entstehende Notwendigkeit der Nummerierung geschrieben. Doch Könige und Kaiser wurden nicht nur mit Ziffern versehen, sondern auch mit Beinamen, die ihre besonderen Eigenschaften und Charakterzüge herausstreichen sollten. Mit Sicherheit der beliebteste dieser Zusätze war „der Große“. Dafür gibt es ja genug Beispiele: Alexander der Große, Karl der Große oder auch Otto I. der Große. Andere Möglichkeiten für Beinamen von Herrschern wären „der Kühne“, „der Fromme“, „der Schöne“, „der Heilige“, „der Schreckliche“, „der Prächtige“ usw. Aber auch weniger schmeichelhafte Anhänge sind bekannt wie „der Kahle“, „der Einfältige“ und noch einige mehr. Die meisten der Beinamen, die gerade aufgezählt wurden, stammen von Herrschern aus dem Mittelalter bzw. der Neuzeit. Aber es war bereits in der Antike üblich, solche Namenszusätze zu geben. Alexander der Große ist da mit Sicherheit das bekannteste Beispiel aus dieser Epoche. Heute begeben wir uns in die Zeit nach dem Tod von Alexander, als sein gewaltiges Reich unter den Diadochen aufgeteilt wurde. Damit befinden wir uns im Jahr 323 v. Chr. und Alexander der Große haucht in Babylon sein Leben aus. Die ihm folgenden Herrscher des Hellenismus trugen oft Beinamen, die weniger bekannt sind als jener von Alexander.

Doch um wen handelt es sich überhaupt, wenn man von den „Diadochen“ spricht? Das Wort Diadochen wird von dem griechischen Wort „diadechomai“ abgeleitet, was auf Deutsch soviel wie „erben“ oder „nachfolgen“ bedeutet. Bei diesen Erben von Alexander dem Großen handelte es sich nicht um irgendwelche Verwandte, sondern um seine Heerführer und höchsten Offiziere. Diese waren nach seinem Tod in drei Lager gespalten. Es gab die Legitimisten, die den minderjährigen Sohn von Alexander dem Großen auf dem Thron sehen wollte, dann Antigonos Monophthalmos, der gerne ganz alleine über das riesige Reich geherrscht hätte und die Separatisten, die jeder gerne einen Teil des Kuchens haben wollten. Bevor ich alle mit den komplizierten Vorgängen in den Jahren unmittelbar nach Alexanders Tod ins Schwitzen bringe, hier die Kurzfassung: In den Jahren nach Alexanders Tod kam es zu einer Reihe von Schlachten und politischen Morden unter diesen mächtigen Männern. Das Resultat war, dass das Reich aufgeteilt wurde und so drei neue Herrschaftsgebiete entstanden:

Ptolemaios I.: erhielt Ägypten

Seleukos I.: erhielt Syrien, Mesopotamien und Teile von Kleinasien

Antigonos II.: erhielt Makedonien

Diese drei Männer waren die Stammväter der jeweiligen Dynastien, die während der Zeit des Hellenismus dort herrschten. Das wären zum ersten die Ptolemaier, deren berühmteste Vertreterin Kleopatra VII.(51-30 v. Chr.) ist, bekannt als Geliebte von Iulius Caesar und Marcus Antonius. Zweitens hätten wir die Seleukiden und als drittens wären da noch die Antigoniden. Da der Name des Geschlechts sich vom Ahnherrn ableitet, ist es leicht sich zu merken, welche Dynastie in welchem Teilreich sitzt und herrscht. Die folgenden Generationen werden dann nicht mehr Diadochen genannt, sondern Epigonen. Dieses Wort leitet sich von dem griechischen Verb „epigignomai“ ab und bedeutet „später geboren sein“. Viele dieser Herrscher trugen einen Beinamen und einige davon werde ich erläutern. Die Jahreszahlen in den Klammern geben die Dauer der Herrschaft an. Fangen wir mit den Antigoniden an, einfach weil sie das kleinste hellenistische Reich beherrschten.

Der bereits erwähnte Antigonos I. Monophthalmos (306-301 v. Chr.) konnte sich nicht mehr daran erfreuen, dass seine Sippschaft die Herrschaft über Makedonien erhielt, denn er starb bereits 301 v. Chr. Eigentlich wollte Antigonos I. – wie schon erwähnt – über das gesamte Reich von Alexander dem Großen herrschen, aber da machten ihm beispielsweise Ptolemaios I. und Seleukos I. einen Strich durch die Rechnung. Die Dynastie der Antigoniden, deren Ahnherr er war, konnte sich erst 277 v. Chr. endgültig machtpolitisch etablieren. Der Beiname von Antigonos I., „Monophthalmos“, bedeutet übersetzt „der Einäugige“. Antigonos I. hatte auch einen sehr berühmten Sohn mit Namen Demetrios (ca. 306-283 v. Chr.), der ebenfalls einen Beinamen erhielt. Die LeserInnen, die sich an meinen Beitrag über die Sieben Weltwunder der Antike erinnern, kennen ihn bereits. Demetrios war es, der die Stadt Rhodos belagerte, dafür riesige Belagerungsmaschinen bauen ließ und dann doch unverrichteter Dingen abziehen musste. Seinen Beinamen hat er aus dieser Zeit, denn er lautet „Poliorketes“. Auf Deutsch würde Demetrios als „der Städtebelagerer“ bezeichnet werden. In der Familie der Antigoniden gab es noch zwei weitere Herrscher mit dem Namen Antigonos. Zum einen wäre das Antigonos II. Gonatas (276-239 v. Chr.), wobei nicht eindeutig geklärt ist, woher dessen Beiname stammt. Ein Möglichkeit wäre, dass man er aufgrund seines Geburtsortes „Gonnoi“ in Thessalien so genannt wurde. Zum anderen gibt es noch Antigonos Doson (229-221 v. Chr.), dessen Namenszusatz nichts anderes bedeutet als „der die Herrschaft übergebende“. Soviel zu den Antigoniden, kommen wir nun zu den Seleukiden.

In dieser Dynastie waren vor allem die Namen „Seleukos“ und „Antiochos“ sehr beliebt. Von ersterem gibt es sechs und vom zweiterem gleich dreizehn Vertreter. Dazwischen kommen noch ein paar Demetrios‘ und Alexanders damit es nicht langweilig wird. Alles beginnt mit Seleukos I. Nikator (306-280 v. Chr.), dessen Beiname „der Siegreiche“ bedeutet. Wenn man sich seine Biographie so ansieht, dann hat Seleukos auch zahlreiche Schlachten geschlagen und des Öfteren gewonnen. Unter Alexander dem Großen hatte Seleukos I. als hochrangiger Offizier gedient. Er gehörte zu den Separatisten, die das Reich von Alexander aufteilen wollten. Seine Nachfolger waren in der Wahl ihrer Namenszusätze nicht weniger bescheiden. Antiochos I. (280-261 v. Chr.) hatte den Beinamen „Soter“, also „Retter“ oder „Erlöser“ und Antiochos II. (261-246 v. Chr.) nannte sich „Theos“ also „Gott“. Bei den Seleukidenherrschern findet man noch Bezeichnungen wie „Philopator“ (dt. „den Vater liebend“), „Eupator“ (dt. „von einem edlen Vater abstammend“) oder „Eukarios“ (dt. „der rechtzeitig kommende“). Verlassen wir nun die Seleukiden, deren Herrschaft mit ihrem letzten Vertreter Antiochos XIII. im Jahr 64 v. Chr. endet.

Münze mit Seleukos I. (Quelle: Wikicommons)

Münze mit Seleukos I. (Quelle: Wikicommons)

Eine Dynastie fehlt uns noch und zwar die der Ptolemaier. Ahnherr war Ptolemaios I. (306-283 v. Chr.) mit dem Beinamen „Soter“. Diese Bezeichnung kennen wir bereits von den Seleukiden. Ptolemaios I. war unter Alexander dem Großen als einer von dessen Leibwächter tätig und zählte zu den engsten Vertrauten des Herrschers. Er gehörte zur Gruppe der Separatisten und setzte sich am vehementesten für eine Reichsteilung ein. In der Dynastie der Ptolemaier hießen alle gleich –  nämlich Ptolemaios. Nicht sehr einfallsreich und hier muss man auf jeden Fall durchnummerieren, wenn man nicht den Überblick verlieren will. Seine beiden Nachfolger Ptolemaios II. (283-246 v. Chr.) und Ptolemaios III. hatten sehr interessante Beinamen. Ersterer wurde auch „Philadelphos“ genannt, was übersetzt sowas „der Geschwisterliebende“ bedeutet. In zweiter Ehe war er mit seiner Schwester Arsinoë II. verheiratet. In der Geschichte der Ptolemaier kommt das noch öfter vor. Für den Fall, dass in einigen Köpfen nun die Stadt Philadelphia in den USA auftauchen sollte, kein Wunder. Man spricht bei Philadelphia auch von der „Stadt der geschwisterlichen Liebe“. Ptolemaios III. (246-221 v. Chr.) hatte den Beinamen „Euergetes“, was auf Deutsch soviel wie „Wohltäter“ bedeutet. Die Ptolemaier waren nicht so kreativ wie die Seleukiden, wenn es um die Beinamen ihrer Herrscher ging, denn man findet mehrere „Soter“ und „Euergetes“, aber auch zwei Ptolemaierherrscher mit dem Zusatznamen „Alexander“. Auch ein „Philopator“ ist dabei. Nachdem Octavian, der spätere Kaiser Augustus, die Schlacht von Actium im Jahr 31 v. Chr. gewonnen hatte und Kleopatra VII. Selbstmord beging, erlosch die Dynastie der Ptolemaier. Ägypten war ab diesem Zeitpunkt eine römische Provinz, die so genannte „Kornkammer Roms“.

Münze mit dem Kopf von Ptolemaios I. (Quelle: Wikicommons)

Münze mit dem Kopf von Ptolemaios I. (Quelle: Wikicommons)

Die politische Geschichte der drei Königreiche in der Zeit des Hellenismus ist eine zugleich spannende, aber auch komplizierte. Mit Sicherheit wird sie aber auch einmal Thema eines meiner zukünftigen Beiträge sein. Für heute lassen wir es aber gut sein mit den hellenistischen Königen und ihren Beinamen. Nächste Woche machen wir einen Sprung nach vorne ins 19. Jh. und werfen einen Blick auf einige Erfindungen, die in diesem Jahrhundert gemacht wurden.

„Namen – damit hat es eine sehr geheimnisvolle Bewandtnis. Ich bin mir nie ganz klar darüber geworden, ob der Name sich nach dem Kinde formt, oder ob sich das Kind verändert, um zu dem Namen zu passen.“ (John Steinbeck)

 

Literatur:

Der kleine Pauly. Lexikon der Antike, 2013

Personen der Antike, Hrsg. K. Brodersen, B. Zimmermann, 2004

Weiler, Grundzüge der politischen Geschichte des Altertums,1995

 

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