Kilometer für Kilometer

… oder warum man in Reutlingen besser keine Platzangst hat.

Täglich fahren oder gehen wir sie entlang – mit dem Auto, dem Fahrrad und zu Fuß. Wir überqueren ihre Kreuzungspunkte und schauen dabei links und rechts. Um sie von einander zu unterscheiden, hat man ihnen Namen gegeben und durch Schilder, Bodenmarkierungen und Ampeln wird der Verkehr darauf geregelt. Die Rede ist von Straßen und Gassen. Meistens beachten wir kaum in welcher Straße wir uns befinden, außer wir suchen verzweifelt die richtige Adresse. Aber dabei helfen uns ja Straßenkarten und Navis. Ein Großteil der Straßen dieser Welt ist uns nicht bekannt. Ein paar wenige aber sind aufgrund von Besonderheiten wie Aussehen, Länge oder Alter berühmt geworden. Heute ist es an der Zeit, Beispiele für berühmte Straßen und Gassen in dem Beitrag zu betrachten.

Wege und Straßen begleiten den Menschen schon seit Jahrtausenden durch die Geschichte. Wenn man sich von A nach B bewegt, will man es möglichst einfach haben. Die ersten richtigen Straßen findet man in Mesopotamien und dem Indusgebiet im 4. und 3. Jt. v. Chr., denn dort entstehen die frühesten Städte. Wie vielen bekannt sein dürfte, waren die Römer wahre Meister, wenn es darum ging Straßen anzulegen. Der ursprüngliche Grund war, dass die Legionen schneller darauf marschieren konnten und man sich so einen taktischen Vorteil erhoffte. Die berühmteste dieser vielen römischen Straßen ist mit Sicherheit die Via Appia und befindet sich in Italien. Teilweise verläuft auf der antiken Route der Via Appia eine moderne Straße, die von Rom nach Brindisi führt. Diese wird als Via Appia Nuova bezeichnet. In manchen Städten so wie Rom oder in Terracina kann man noch heute die alte Via Appia besichtigen. Um 312 v. Chr. begann man mit dem Bau dieses Großprojekts. Bauherr war ein Mann namens Appius Claudius Caecus, von dem sich auch die Bezeichnung Via Appia herleitet. Wie schon erwähnt war der eigentliche Zweck der Via Appia ein militärischer und erst im Jahr 190 v. Chr. wurde die Straße von Capua nach Brindisi erweitert. Vor allem in der Zeit des römischen Kaiser erweiterte sich das Imperium um viele neue Provinzen. Damit vergrößerte sich auch das Straßennetz. Durch Teile von Österreich führte auch eine Römerstraße und zwar die Via Iulia Augusta. Auf den antiken Straßen waren natürlich nicht nur Soldaten und Reisende unterwegs. Auch Handelswaren wurden von A nach B und weiter nach C transportiert. Manchmal erhalten die Straßen dann ihren Namen nach dem Gut, dass vorwiegend darauf herumfährt. Beispiele dafür wären die Bernsteinstraße oder auch die Salzstraße, aber in der Antike bestanden diese Namen noch nicht.

Aber nicht nur in der europäischen Antike, sondern auch in Asien gab es zahlreiche alte Straßen. Ein ganzes Straßennetzwerk wird gemeinhin als die „Seidenstraße“ bezeichnet. Diese verband das Mittelmeer mit den ostasiatischen Regionen. Vor allem in der Zeit des 12. und 13. Jh. erlangte die Seidenstraße enorme Bedeutung, obwohl sie bereits in der Antike bestand. Meistens wird 115 v. Chr. als jenes Jahr angegeben, in dem die Seidenstraße vervollständigt wurde. Über diese Verbindung lief der Handel, aber sie war auch für den Austausch von Kultur und religiösen Einflüssen förderlich. Im Geschichtsunterricht wird die Seidenstraße meistens im Zusammenhang mit den Reisen der venezianischen Kaufleute Niccolo Polo, Matteo Polo und Marco Polo erwähnt. Auf diesem Weg gelangten sie bis nach China an den Hof des Kublai Khan.

Es gibt noch zahlreiche andere alte Straße, die in Teilen bis heute Bestand haben. Aber jetzt wollen wir uns einigen moderner Verkehrswegen zuwenden, die in einer oder mehrerer Hinsicht etwas Besonderes sind. Bei Straßen fällt einem natürlich zuerst die Länge ein. Doch das ist manchmal schwierig zu sagen, bei welcher Straße es sich um die längste der Welt handelt. Man weiß aber, welches das längste zusammenhängende Straßennetz aus Schnellstraßen ist. Es trägt den Namen „Panamerciana“ und verläuft von Alaska bis hinunter nach Feuerland mit der beachtlichen Zahl von 48.000 km Straßennetz. Im Jahr 1923 wurde die Idee für dieses Projekt geboren und 1936 wurde die dazugehörige Konvention in Buenos Aires, Argentinien unterzeichnet. Bleiben wir gleich in Südamerika, denn hier gibt es auch einen Rekordhalter, wenn es um Straßen geht. Die breiteste Straße der Welt befindet sich Brasilien genauer gesagt in der Hauptstadt Brasilia. Die Eixo Monumental ist zwar nur 8 km lang, aber dafür ist sie bis zu 250 m breit. Diese Straße verläuft in Ost-West Richtung durch die Stadt und ist damit eine der beiden zentralen Achsen, die Brasilia in vier Bereiche unterteilt. Übersetzt bedeutet ihr Namen auch „Monumentalachse“. 1960 wurde die Straße für den Verkehr freigegeben und nun brausen auf acht Spuren Autos, Lkws und Busse dahin. Doch nicht nur die breiteste Straße befindet sich in Südamerika, auch die gefährlichste Straße der Welt ist dort. Allerdings müssen wir dafür ein kleinen Sprung nach Bolivien machen. In der Hauptstadt La Paz geht es los, denn dort kann man sich auf der „El camino a los yungas“ auf den Weg in den 56 km entfernten Ort Coroico machen. In den 1930er Jahren wurde die Straße durch die harte Arbeit von Kriegsgefangenen erbaut. Diese Straße hat aber noch einen zweiten Namen und zwar „el camino de la muerte“ also „Todesstraße“. Diese Bezeichnung trägt sich nicht ohne Grund. Die Fahrbahn ist einspurig und liegt hoch an steilen Berghängen. Dort windete sie sich in zahlreichen Kurven durch das Gelände, aber ohne Leitplanken oder andere Absicherungen. Weitere Probleme sind die eingeschränkte Sicht, schlechte Straßenverhältnisse bzw. Steinschlag. Schätzungen der bolivianischen Regierung zufolge sterben ca. 200-300 Menschen jährlich auf dieser Straße. 1983 verunglückte ein Bus, der 100 Menschen mit sich in die Tiefe riss.

Für die steilste Straße der Welt müssen wir uns auf einen anderen Kontinent begeben, nämlich nach Australien. Genauer gesagt nach Neuseeland in die Nähe der Stadt Dunedin. Dort ragt die Baldwin Street mit stolzen 35% (19,3°) Steigung auf. Sie ist nur 350 m lang, aber darauf kommt es in diesem Fall nicht an. Verschiedene Arten von Rennen finden auf der Baldwin Street statt. Beispielsweise muss man die Straße einmal hinunter und einmal hinauf laufen. Laut Guinessbuch der Rekorde trägt die Baldwin Street den Titel „steilste Straße der Welt“ zu Recht. Aber bereits andere Ortschaften zweifeln daran und glauben selbst noch steilere Straßen zu haben. Berühmt ist auch die Lombard Street in San Francisco, die auf den ersten Blick auch sehr steil wirkt. Aber diese Straße ist durch die zahlreichen Serpentinen, was die Steigung betriff, entschärft. Dafür ist die Lombard Street mit ihren wunderschönen Blumen ein wahrer Hingucker. Wenn man auf dem australischen Kontinent noch weitere Rekordhalter in Sachen Straßen und Wege sucht, trifft man auf die längste Straße mit umkehrbarer Fahrrichtung. In Adelaide liegt der M2 Southern Expressway, der als Entlastungsstraße gedacht ist und dessen Bau 1995 begann. In welche Richtung man die 21 km lange Straße fahren darf, kommt auf die Tageszeit an. Verkehrstechnisch sehr interessant, vor allem wenn man die Gegebenheiten nicht kennt. Wenn man von Adelaide nach Perth fahren möchte, dann benutzt man den National Highway 1. Ein Teil dieser Schnellstraße ist der Eyre Highway, was jetzt noch nicht nach etwas besonderem klingt. Ein Teil dieser Straße ist vor allem für Fans von Kurven eine wahre Katastrophe. Zwischen den Caiguna und Balladonia verläuft nämlich die längste völlig geradlinig verlaufende Straße der Welt. Und das über eine Länge von über 146 km.

Wir haben schon von der breitesten Straße der Welt gehört, aber natürlich gibt es auch die engste. Obwohl in ihrem Namen das Wort „Straße“ steckt, kann man eigentlich nur mehr von einer Gasse reden. Dabei handelt es sich um die Spreuerhofstraße im deutschen Reutlingen. Die Länge von 50 m ist schon nicht sehr berauschend, aber diese Gasse ist nichts für Menschen mit Platzangst. Die Spreuerhofstraße misst nur 40 cm Breit im Durchschnitt. An einer Stelle ist sie sogar nur 31 cm breit. Entstanden ist dieser Weg im Jahr 1726, als nach einem Brand die Stadt größtenteils neu aufgebaut werden musste.

Als eine der höchsten Straße der Welt gilt der Kardung La Pass im Nordwesten Indiens. Stolze 5602 m werden auf einem Schild an der höchsten Stelle ausgeschrieben und man hat einen wunderbaren Blick auf das Karakorum Gebirge. Da diese Straße ein wichtiger strategischer Punkt an den Grenzen Indiens ist, wird versucht den Pass ganzjährig für die Militärfahrzeuge offen zu halten. Die niedrigste Straße der Welt wiederum befindet sich in Israel. Wenn man die Route „90 כביש“ (dt. Landstraße 90) entlangfährt, kommt man vom Jordantal entlang am Toten Meer bis nach Nordisrael. An manchen Stellen befindet man sich auf einer Höhe von 300 m unter dem Meeresspiegel. Aufgrund ihres Verlaufs neben dem Toten Meer wird jener Teil der Straße auch „Death Sea Highway“ genannt.

Eine Besonderheit in Sachen Straßen soll noch erwähnt werden, nämlich der größte Kreisverkehr der Welt. Dieser trägt den klingenden Namen Persiaran Sultan Salahuddin Abdul Aziz Shah oder auch Putrajaya Roundabout. Der gewaltige Kreisverkehr mit einem Durchmesser von 3,5 km liegt in der Stadt Putrajaya in Malaysien. Im Jahr 1999 wurde er fertig gestellt. Wenn man ihn durchfährt, vergisst man laut Aussagen sogar, dass man sich in einem Kreisverkehr befindet.

Natürlich gibt es noch zahlreiche andere berühmte Straßen auf dieser Welt, die heute keine Erwähnung gefunden haben wie die Route 66 in den USA, die Ringstraße von Island, der Broadway und die Fifth Avenue in New York, die Abbey Road und die Bakerstreet in London oder der Linvingston Way entlang der Victoria Wasserfälle. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Für heute haben wir genug Kilometer zurückgelegt. In der nächsten Woche wird es dann wieder gemütlicher, wenn verschiedene Osterbräuche und ihre Entstehungsgeschichte auf dem Programm stehen.

„Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse eine Spur.“ (Jean Paul)

 

 

 

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