Mythos am Mittwoch – Odins Opfertaten

Wenn man Leute auf der Straße bitten würde, einen nordischen Gott zu nennen, dann würden die meisten wohl entweder Thor, Loki oder Odin antworten. Letzterer ist der oberste Gott und trägt noch verschiedene andere Namen wie „Alföðr“ („Allvater“), „Geirtýr“ („Speer-Gott“), „Hárr“ („Hoher“ oder „Einäugiger“), „Göndlir“ („Zauberer“) oder „Yggr“ („Schrecklicher“). Odin werden zahlreiche Attribute zugesprochen wie die beiden Raben Hugin („Gedanke“) und Munin („Erinnerung“), die Wölfe Geri und Freki (beide Namen bedeuten „der Gefräßige“, sein achtbeiniger Hengst Sleipnir („der Dahingleitende“) sowie ein Speer der nie sein Ziel verfehlt. Auch diese Waffe hat einen Namen – Gungnir („der Schwankende“).

Einer der zahlreichen Mythen über den Allvater Odin hat die Opfertaten des Gottes zum Wohle der Menschheit zum Thema. Odin hat den Menschen nicht nur bei ihrer Erschaffung seinen Atem eingehaucht, sondern auch noch andere Dinge für sie getan. Als erstes wollte Odin alles Wissen dieser Welt besitzen, damit er Unheil von den Göttern und Menschen abhalten konnte. Doch die Götterdämmerung oder Ragnarök war nicht aufzuhalten. Nichtsdestotrotz begab sich Odin zu Mimir, dem weisesten Wesen von allen. Dieser wachte über einen Brunnen, dessen Wasser alles Wissen beinhaltete. Mimir erlaubte Odin einen Schluck aus dem Brunnen zu nehmen, doch dafür verlangte er auch eine Gegenleistung von dem Gott. Odin musste ein Auge opfern, um den Trank zu erhalten. So konnte sich Odin die ganze Weisheit der Welt aneignen. Alles was seit Urzeiten geschehen war, wusste er nun. Nun ist vielleicht auch klarer, warum Odin nur mit einem Auge dargestellt wird. Der Verlust seines Auges war die erste Opfertat von Odin.

Wie schon erwähnt lebt der Atem von Odin in jedem Menschen, doch unglücklicherweise konnten die Menschen weder reden noch singen. Der Gott beschloss, dass es an der Zeit war das zu ändern. Zuerst musste er sich um eine Sprache für die Menschen kümmern. Also verwundete Odin sich mit seinem Speer Gungnir und fiel in einen tiefen Traum. Darin wurde der Gott in die Äste der Weltesche Yggdrasil gehängt und musste im „windigen Baum“ wie es in den Älteren Edda heißt neun Tage bleiben. Seine Wunde schmerzte ihn und der Wind heulte, niemand gab ihm ein Stück Brot oder einen Schluck Met. Doch nur so konnte Odin die Runen erdenken und Worte bilden, damit die Menschen eine Sprache bekommen würden. Also fing der Gott seufzend an, Runen zu ersinnen mit denen man Laute und Worte aufzeichnen konnte. Als genug Runen geschaffen waren, löste sich Odin von den Ästen Yggdrasils, fiel hinunter und erwachte. Jetzt konnten die Menschen reden und hatte einen Sprache. Das war Odins zweite Opfertat.

Darstellung von Odins Opfer in Yggdrasils Zweigen (Quelle: Wikicommons)

Darstellung von Odins Opfer in Yggdrasils Zweigen (Quelle: Wikicommons)

Die dritte Opfertat nun betraf das Singen. Odin wollte, dass einige der Menschen diese Kunst beherrschten. Es existierte ein Trank den man auch als „Dichtermet“ oder Odrörirs Nass“ bezeichnet. Entstanden war er aus dem Blut eines ebenfalls sehr weisen Wesens namens Kwasir. Dieser wurde von zwei Zwergen getötet und sein Blut vermischten sie mit Honig. Jeder der von diesem ganz besonderen Met kostete wurde entweder sehr weise oder ein begnadeter Dichter und Sänger. Über Umwege war dieses Dichtermet in die Hände eines Riesens namens Suttung gekommen, der den Trank tief in einer Höhle verborgen hielt. Insgesamt drei Gefäße waren notwendig, um ihn zu fassen: der Kessel Odrörir und die beiden Gefäße Son und Bodn. Jetzt erklärt sich vielleicht auch der oben erwähnte Name. Die Tochter von Suttung musste den Trank bewachen. Sie hieß Gunnlöd und war sehr einsam. Eines Tages kam Odin zu ihr in die Höhle und konnte Gunnlöd davon überzeugen, ihn dreimal von dem Trank trinken zu lassen. Dafür musste der Allvater aber drei Nächte bei ihr verbringen. Drei Nächte voll Leidenschaft mit der einsamen Riesentochter für drei Schlucke des magischen Tranks. Klingt doch angemessen. Nach der dritten Nacht leerte Odin in einem Zug den Kessel Odörir und in zwei weiteren die anderen beiden Gefäße. Dann verwandelte er sich in einen Adler und flog Richtung Asgard. Odin wurde zwar von dem wütenden Riesen Suttung verfolgt, aber es gelang dem Gott den Trank nach Asgard zu bringen. Zu nahe wagte sich der Riese nicht heran, denn er fürchtete Thors Hammer Mjöllnir. Odin verteilt den Trank an alle Asen, aber vor allem an seinen Sohn Bragi, den Gott der Dichtkunst. Anschließend schenkte Odin auch allen Menschen, die große Dichter und Sänger werden sollten, einen Schluck von „Odörirs Nass“.

Odin reitet auf Sleipnir (Quelle: Wikicommons)

Odin reitet auf Sleipnir (Quelle: Wikicommons)

Durch die zwei Opfertaten von Odin hatten die Menschen nicht nur die Sprache, sondern auch die Dichtkunst und den Gesang erhalten. Aus diesem Grund wird der Odin auch manchmal „Vater der Lieder“ genannt. Obwohl die drei Tage und Nächte, die Odin bei Gunnlöd verbracht hat, müssen nicht unbedingt als „Opfer“ angesehen werden.

 

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