Antlasseier und Ratschen

… oder warum die Glocken zu Ostern nach Rom fliegen.

Gestern suchten unzählige Kinder und auch Erwachsene nach Ostereiern, Süßigkeiten und kleinen Geschenken, die ihre Lieben für sie an möglichst kreativen Orten versteckt hatten. Das ist nur einer der Bräuche, die zu Ostern üblich sind. Doch am Ostersonntag selbst und an den Tagen rund um ihn haben sich zahlreiche Traditionen entwickelt. Diese sind nicht in allen Ländern gleich. Heute wollen wir einen Blick auf die österreichischen werfen, von denen einige auch in Deutschland zu finden sind. Dazu gehen wir am besten chronologisch die Osterwoche, oder auch „Karwoche“ genannt, kurz durch.

Alles beginnt am Palmsonntag, eine Woche vor Ostern. Die Christen gedenken an diesem Tag dem Einzug von Jesus in Jerusalem. Die Menschen, die Christus dabei empfingen, hatten Palmzweige in den Händen. Dieses Detail hat sich in der Osterfeierlichkeit erhalten. So kennt man einen Bericht von einer Pilgerin namens Egeria aus dem 4. Jh., die von einer Prozession eine Woche vor dem Osterfest in Jerusalem berichtet. Dabei wurden Palm- und Ölzweige mitgeführt. Das erste Zeugnis aus dem europäischen Bereich stammt aus der Zeit um 700. Nun ist klar, dass in vielen Regionen von Europa keine Palmzweige wachsen, also muss man sich anders behelfen. Aus diesem Grund werden vor dem Palmsonntag kleine Buschen gebunden, deren Hauptbestandteil die „Kätzchen“ einer Weide sind. Meistens ist das die Salweide und dazu kommen noch andere Pflanzen wie Buchs, Wacholder, Eibe usw. Diese Palmbuschen können die unterschiedlichsten Formen und Längen haben. Als weiteren Schmuck bindet man noch bunte Bänder oder Fäden in den Buschen hinein. Vielerorts zeigt eine schwarze Masche den kürzlichen Tod eines Familienmitglieds an. Die Palmbuschen werden dann am Palmsonntag mit in die Kirche zur Weihe genommen. Die so gesegneten Buschen sollen Gefahr von Haus, Hof und Vieh abwehren z.B. Blitzschlag oder Krankheit.

Der nächste Tag in der Karwoche, der von Bedeutung ist, ist der Gründonnerstag. Die meisten kennen diesen als jenen Tag, an dem man als Kind Spinat essen müsste. Doch vorher kommt der Name „Gründonnerstag“. Die Wortbedeutung leitet sich aus dem mittelhochdeutschen Begriff „greinen“ für „weinen“ oder „klagen“ ab. Aus „greinen“ wurde dann „Grün“. Es gibt aber noch eine zweite Variante, wie der Gründonnerstag zu seinem Namen kam. Früher trugen büßende Sünder grüne Zweige in den Händen, vor allem am Gründonnerstag. An diesem Tag wurden nämlich die Büßer wieder in die Kirchengemeinde aufgenommen und vor allem gingen die Gläubigen an diesem Tag zur Beichte. Im Lateinischen hieß dieser Tag „dies viridium“ (Tag der Grünen) genannt. Um 1200 findet sich dann schon der Begriff „gruene dunrestac“. Davon den Gründonnerstag abzuleiten, fällt nicht schwer. An diesem Tag steht das letzte Abendmahl und Jesus am Ölberg im Mittelpunkt. In ländlichen Gemeinden findet man deshalb noch Fußwaschungen wie Jesus es bei seinen Jüngern gemacht hat sowie Ölbergandachten. Ein sehr bekannter Brauch ist das Verstummen der Kirchenglocken ab dem Abend des Gründonnerstag. Kleinen Kindern erklärte man, dass die Glocken nach Rom geflogen sind. Der Gründonnerstag ist auch jener Tag an dem traditionell die Ostereier gefärbt werden. In früheren Jahrhunderten verfügte man nicht über chemische Färbemittel und nahm dafür, was man im Haus hatte. Verschiedene Kräuter, Schlüsselblumen, Zwiebelschalen, rote Rüben oder auch Spinat wurden für diesen Vorgang benutzt. Wenn wir gerade bei den Ostereiern sind, dann passt es gut, einen weiteren Brauch rund um Eier zu erwähnen. Die Rede ist von den „Antlasseier“. Das sind Eier, die von Hühnern am Gründonnerstag, am Karfreitag und Karsamstag gelegt werden. Diese Eier werden ebenfalls gefärbt, je nach Legedatum. Die Eier vom Gründonnerstag werden grün gefärbt und jene vom Karfreitag und Karsamstag rot, violett oder blau, das variiert von Region zu Region. Der Name „Antlass“ kommt vom Wort „Ablass“. Wie schon erwähnt war der Gründonnerstag der Tag der Beichte und Buße. Die Antlasseier sollten nun vor einer Vielzahl von Gefahren (Lawinen, Hochwasser oder Muren) schützen oder gut für die Gesundheit sein, wenn man sie aß.

Der Karfreitag ist der wichtigste Tag in der christlichen Glaubensvorstellung. Das Wort „Kar“ kommt vom althochdeutschen Begriff „kara“ für „klagen“. An diesem Tag wird dem Leiden und dem Tod von Jesus am Kreuz gedacht. Um 15:00, der Todesstunde von Jesus, wird in den meisten Kirchen dann eine Messe gehalten. Da die Glocken bis zur Osternacht nicht läuten, mussten die Menschen in den früheren Jahrhunderten anderes über die gerade herrschende Stunde informiert werden. Dafür setzte man „Ratschen“ ein. Eine Ratsche ist ein Gerät, bei dem durch das Schlagen von Holz auf Holz ein lautes Geräusch entsteht. Das Wort selbst entwickelte sich aus dem mittelhochdeutschen „razzeln“ oder „razzen“. Bereits im 9. Jh. ist die Benutzung von Ratschen überliefert. Man stellte sich mit den Ratschen beim Glockenturm auf und „ratschte“ zu verschiedenen Zeiten. Da die Dörfer größer wurden, war es bald notwendig mit den Ratschen durch die Straßen zu ziehen. Aus diesem Grund entwickelt man auch fahrbare Ratschen sogenannte „Kastenratschen“. Solche Geräte sind aus dem 16. Jh. bekannt. Im deutschsprachigen Raum ist der Karfreitag ein Fasttag ebenso wie der Karsamstag und in kleinen Orten haben viele Geschäfte geschlossen. An diesem Tag war es früher verboten Lärm zu machen, denn man gedachte in Stille dem Tod von Jesus. Aus diesem Grund verrichtete man eher häusliche Arbeiten, die wenig Krach machten. In manchen Orte in Österreich und Deutschland gibt es „Kreuzwegandachten“ oder andere Prozessionen. Beispielsweise ist uns aus dem 18. Jh. eine besonders aufwendige Prozession aus dem deutschen Ort Herzogenaurach bekannt. Allerdings erging im Jahr 1804 ein Erlass, dass alle Prozessionen im Bundesland Franken verboten werden außer jener an Fronleichnam.

Wie schon erwähnt ziehen am Karfreitag und Karsamstag die „Ratscher“ durch die Orte und am Karsamstag bitten sie dann um eine kleine Gabe für ihren geleisteten Dienst. Dabei kann es sich um Eier oder Süßigkeiten handeln. In der Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag ist die Osternachtsfeier. In den Tagen zuvor hatte kein Feuer in den Kirchen gebrannt und nun wird dieses neu entzündet und geweiht. Gläubige nehmen sich dieses Feuer mit nach Hause oder bekommen es durch Kinder, die mit sogenannten „Weihschwämmen“ von Haus zu Haus ziehen. Dabei handelt es sich um getrocknete Baumschwämme, die die Glut gut halten. Eine der wichtigsten Traditionen der Osternacht ist die Segnung der Speisen, die sogenannte „Fleischweihe“. Karfreitag und Karsamstag waren Fasttage und nun freuten sich alle wieder auf Fleischspeisen und die sogenannte „Osterjause“. Die Familien brachten Körbe mit verschiedenen Lebensmitteln wie Brot, Fleisch, Eier, Salz und Kren mit in die Kirche und diese werden vom Pfarrer gesegnet. In vielen Orten ist es üblich den Korb mit einem selbstgestickten „Weihkorbdeckerl“ zuzudecken. Obwohl man die gestickten Decken bereits im 17. und 18. Jh. kennt, waren sie nicht weit verbreitet. Erst in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg kam an immer mehr Orten diese Tradition auf. Heute sind diese Decken nicht mehr von dem Weihkörben wegzudenken und gehören zum Brauch dazu. Weiters wird in der Osternacht auch das Weihwasser neu gesegnet. Nach dem Osternachtsgottesdienst werden dann die Osterfeuer angezündet. Das Feuer symbolisiert Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist. Aus Umwelt- und Brandschutzgründen werden Osterfeuer in den Städten nicht mehr erlaubt. Aber in den ländlichen Gegenden sieht man in der Osternacht noch zahlreiche Flammen lodern.

Kommen wir zu Ostern. Das Wort stammt von dem althochdeutschen „õstra“ bzw. dem altenglischen „eastre“. Beides bedeutet „Morgenröte“. In anderen Sprachen leitet sich das Wort für Ostern von dem jüdischen Wort „Pascha“ ab. Dieses Fest fällt in die gleiche Zeit wie Ostern. Anders als Weihnachten handelt es sich bei Ostern um ein Fest mit einem beweglichen Termin. Es ist immer der Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. Dies wurde auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 beschlossen. Der frühestmögliche Termin wäre der 22. März, da erst am 21. März Frühlingsbeginn ist und dann erst ein Frühlingsvollmond sein kann. Spätestens kann Ostern auf den 25. April fallen und es ergeben sich über 30 verschiedene Termine für Ostern. Eigentlich feierte man die Auferstehung von Jesus Christus in den frühen Morgenstunden des Ostersonntags. Das passt auch mit der Morgenröte oder dem „Frühlicht“ zusammen. Heute sind die Messen am Ostersonntag aber am Vormittag zu einer „christlicheren“ Stunde angesetzt. Danach isst man in vielen Gegenden, vor allem in der Steiermark, das geweihte Fleisch und Brot. Meistens findet am Vormittag noch die traditionelle Ostereiersuche statt. Die Eltern verstecken Eier, Süßigkeiten und kleine Geschenke für die Kinder, wobei allerdings auch Ostern mittlerweile dem Konsum zum Opfer gefallen ist. Die Geschenke werden immer größer und teurer. Warum gerade Eier zu Ostern verschenkt werden, hat einen ganz natürlichen Grund. Sie gehörten genauso wie Fleisch während der Fastenzeit zu den verbotenen Speisen. Also hatte man über die Wochen einige Eier zuviel gelagert. Diese mussten nun gegessen werden und daher rührt der Brauch zu Ostern Eier zu verschenken. In vielen Orten ist das „Eier pecken“ Tradition. Dabei nimmt je eine Person ein Ei in die Hand und versucht mit dem Spitz die Spitze eines gegnerischen Ei zu zerstören. Wenn der Spitz von dem Ei zerstört ist, kommt die Rückseite zum Einsatz.

Bevor es mit Ostern zu Ende geht, noch ein paar Worte zu einer der beliebtesten Symbolen des Festes – der Osterhase. Man ist sich nicht ganz einig, wo der überhaupt herkommt. Eine Möglichkeit ist, dass der Hase mit Christus gleichgesetzt wird oder als äußerst promiskuitives Tier für die Fruchtbarkeit des Frühlings steht. Einige Forscher meinen, dass der Osterhase in der Zeit des Biedermeier entstand als man versuchte den Kindern zu erklären, woher die Ostereier kommen. Die Landkinder des 19. Jh. wussten dies sehr wohl, aber jene in der Stadt hatten keine Ahnung. Bald darauf entstanden auch die ersten Schokohasen, was wahrscheinlich mit der vermehrten Produktion von Rübenzucker einherging. Andere Forscher gehen dem Ansatz nach, dass die Tradition des Osterhasen bereits im 17. Jh. in Form von Geschichten für Kinder existiert hat.

Das waren nur einige Bräuche und Traditionen, die in der Zeit um Ostern eine Rolle spielen. Natürlich gibt es in Österreich und Deutschland noch zahlreiche weitere. Doch das würde den Rahmen sprengen und es fehlen ja auch noch andere Länder nicht nur in Europa. Aber Ostern kommt nächstes Jahr wieder – und zwar am 16. April. Dann sollen auch Osterbräuche im Mittelpunkt stehen, die hier nicht traditionell sind.

In der nächsten Woche kommt dann endlich der Beitrag über den Falklandkrieg, der noch vom Sommer ausständig ist.

„Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ (Thomas Morus)

 

Literatur:

Greger, Michael: Brauch und Jahr – Neue und überlieferte Bräuche im Bezirk Liezen, 2008

Kapfhammer, Günther: Brauchtum in den Alpenländern.

Welker, Manfred: Glaube – Brauchtum  – Heimat, 2010

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